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Michael-Braungart

Professor Dr. Michael Braungart ist Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer von EPEA, eines internationalen Umweltforschungs- und Beratungsinstituts mit Hauptsitz in Hamburg. Er ist Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, Virginia (USA), Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts e.V. (HUI) sowie Leiter von Braungart Consulting in Hamburg.

Wertstoffgesetz-Fakten.de hat Prof. Dr. Michael Braungart am 26. August 2015 telefonisch interviewt.


Wertstoffgesetz-Fakten.de:
Sie sind der Erfinder des Cradle-to-Cradle Prinzips. Können Sie uns das kurz erklären?

Professor Dr. Michael Braungart:
Cradle-to-Cradle – von der Wiege zur Wiege – bedeutet, dass alle Produkte noch einmal neu erfunden werden. Alle Produkte, die durch den Gebrauch verschleißen, wie zum Beispiel Waschmittel, Schuhsohlen oder Autoreifen, werden so gemacht, dass sie sich für die Biosphäre eignen. Die sind nicht nur nicht giftig, sondern sie können in biologische Systeme zurückgehen. Alternativ sind sie verbrennbar und die Asche kommt in die Landwirtschaft oder ist kompostierbar. Alle Dinge, die „nur“ genutzt werden, wie Waschmaschinen und Fernseher werden so gestaltet, dass sie in der Technosphäre bleiben. Das heißt, es entsteht kein Abfall. Alle Materialien werden nützlich. Dabei ist es wichtig, dass alle Zutaten positiv definiert werden. Es geht darum, einen nützlichen Fußabdruck zu schaffen. Nicht wie bei einem Passivhaus, wo man versucht, so wenig wie möglich schädlich zu sein. Es geht darum, ein Gebäude zu machen, das wie ein Baum die Luft und das Wasser reinigt. Unser Beitrag muss für die biologischen Systeme positiv sein und nicht nur weniger schädlich. Dafür sind wir viel zu viele Menschen auf der Welt.

 

Wertstoffgesetz-Fakten.de:
Das würde aber bedeuten, dass man beim Thema Produktverantwortung, einem Kernpunkt des Wertstoffgesetzes, komplett umdenken muss. Das Produkt muss von vornherein anders gestalten werden.

Professor Dr. Michael Braungart:
In einem Mobiltelefon sind derzeit die Wertstoffe, die enthalten sind, weniger als einen Euro wert. Wenn man auf die Ebene des Wertstoffes zurückkommt, schafft man derzeit nicht einmal 5% der Wertschöpfung. Im Moment wird aber dieses Mobiltelefon noch nicht mal „richtig“ recycelt. Es werden von 41 Elementen nur 9 wirklich zurückgeholt. Gerade die, die am seltensten und kritischsten sind werden nicht recycelt. Damit ist die Wertstoffgesetzgebung einfach auf einem unsinnigen Niveau, weil die Wertschöpfung auf dieser Ebene so extrem gering ist. Wenn ich auf die Ebene der Komponenten gehe, ist die Wertschöpfung über 50% – also mehr als das Zehnfache. Und darum ist es wichtig, das Produktdesign anders zu machen.

Eine weitere Regelung für Verpackungen ist völlig absurd. Der Grüne Punkt hat gar nichts gebracht. Es haben sich ganz wenige extrem bereichert, die Allgemeinheit wurde dabei nur ausgenutzt. Es ist noch nicht mal gelungen, die zwei Prozent PVC Verpackungen wegzunehmen, die das Kunststoffrecycling für viele Kunststoffe in den Kosten praktisch verdoppelt. Das Ergebnis des Recyclings wird immer minderwertiger, weil das PET eine gleiche Dichte hat wie PVC. Damit erzeugen wir mit diesen zwei Prozent PVC eine praktisch unnötige Verteuerung. Wir schaffen es doch nicht einmal die giftigsten Pigmente herauszuhalten. Letztlich sind der Grüne Punkt und die Dualen Systeme wirklich eine Beleidigung für die Staatsbürger, die einfach über 40 Jahre an der Nase herumgeführt worden sind. Und diese Dualen Systeme jetzt zu perfektionieren wäre völlig absurd. Wenn man das Falsche perfekt macht, macht man es nur perfekt falsch.

 

Wertstoffgesetz-Fakten.de:
Was würde es aus Ihrer Sicht bezogen auf das Wertstoffgesetz bedeuten, bei dem um höhere Recyclingquoten geht. Wo muss der Gesetzgeber ansetzen?

Professor Dr. Michael Braungart:
Es ist da etwas entstanden, was ich „Ökologismus“ nenne. Es dient aber nicht der Ökologie, es hält uns nur beschäftigt. Ein einfaches Beispiel: Ein Auto, das in Europa hergestellt wird, hat im Durchschnitt etwa 42 verschiedene Stahllegierungen drinnen. Das ist Chrom, Nickel, Kobalt, Mangan, Titan, Wolfram, Antimon, Wismut, Palladium und so weiter. Was machen wir daraus? Wir nennen das Recycling, wenn wir aus diesem hochwertvollen Stahl mit ganz vielen seltensten Metallen, Baustahl machen. Damit gehen alle Buntmetalle verloren. Das heißt aber, das Auto muss von vornherein anders konstruiert werden.

Oder – denken wir an den Hausmüll. Der Hausmüll macht im Industriesystem nicht einmal 5% der gesamten Müllmenge aus. Daran orientiert sich aber unsere Gesetzgebung. Ein kurzes Beispiel: In einem Mobiltelefon gibt es 41 verschiedene Elemente, von denen werden nur 9 recycelt und das obwohl bei der Herstellung all dieser Metalle das Vielfache des Hausmüllaufkommen Europas entsteht. Ein Auto enthält mindestens 40 verschiedene Legierungen. Anstatt sortenreiner Wiederverwendung wird Automobilstahl zu Baustahl weiterverarbeitet und es werden nun Metallzusammensetzungen erzielt, die Gebäude extrem anfällig für Erdbeben machen. Darum ist es in den USA untersagt, aus alten Autos Baustahl zu machen. Weil man weiß, dass es in San Francisco eine große Gefahr eines Erdbebens gibt.


Wertstoffgesetz-Fakten.de:
Wo müsste der Gesetzgebungsprozess ansetzen. Was wären Ihre Wunschvorstellung aus Sicht des Cradle-to-Cradle Prinzips?

Professor Dr. Michael Braungart:
Im Druckereibereich lohnt es sich Druckerzeugnisse und Standarddrucksachen aus Malaysia einzufliegen. Dadurch verlieren die Druckereien ihre Existenzchance. In der Schweiz sind ein Drittel aller Druckereien in den letzten drei Jahren verschwunden. Das ist ein gigantischer Verlustprozess von Kapazität und Qualifikation. Dieses Beispiel gilt genauso für andere Industrien. Wenn die Politik und die Industriebetriebe nicht positive Ziele vorgeben, dann werden wir immer mit Sklavenarbeit aus anderen Ländern konkurrieren.

Wenn zum Beispiel die Regierung sagen würde, wir wollen, dass bis 2020 alle Druckerzeugnisse kompostierbar sind, dann hätte die Druckindustrie eine Chance sich umzustellen. Sie hätte eine Chance wirklich auf Dauer etwas zu liefern, weil sie dadurch einen Wettbewerbsvorsprung erzielt. Das sind Druckerzeugnisse, die für biologische Kreisläufe geeignet sind. Und dann schafft dieser Prozess Innovation auch für Druckbetriebe, die in Asien fertigen, als nächsten und übernächsten Schritt.

Wertstoffgesetz-Fakten.de:
Vielen Dank für dieses Gespräch!

4 Antworten auf Interview Professor Dr. Michael Braungart

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